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Textilien

Abends schmiegt das warme Licht
sich lautlos an ein freies Feld.
Rot-orange liegt sein Gewicht,
flüchtig noch, auf dieser Welt.

Feuerrotes Abendlicht,
alle Stunden sind gezählt,
ein Schein, der die Konturen bricht,
dessen, was ins Dämmern fällt.

Allein den Wind, so lau und leicht
und wohl vertraut,
spür’ ich. Welcher Geist streicht
mir wohl über meine Haut?

Bist das etwa du vielleicht,
die voller Liebe nach mir schaut?
Vom Hauch, der deinem Atem gleicht,
wächst mir eine Gänsehaut.
Ein Schatten streckt sich lang und liegt,
die Nacht löscht sacht ein letztes Licht,
im Schlaf, der uns in Stille wiegt.
Ins Inn’re kehrt die Sicht,

dorthin wo alles Werden
und jegliches Vergeh’n
uns führt von hier auf Erden,
wo wir unsre Schleifen dreh’n.

Schwarz verhüllt steht Baum an Baum
dort am Feldrand dicht an dicht
und in meinem stillen Traum
„Wegen Einsamkeit geschlossen“ stand auf dem Plakat,
als ich an die Mauer zu dieser Stadt trat.
Seltsame Stille hier vor dem Tor.
Durchs Schlüsselloch späh` ich zu dir, fast wie durch ein Rohr.
Seh` zwischen Teppichstangen mit `nem roten Ball dich steh`n:
„Nichts sagen, nichts hören, nichts seh`n.“

Der Schriftzug deines T-Shirts verrät mir wie du heißt.
Am Schnürsenkel um Deinen Hals auf dem du rumbeißt,
baumelt, für im 12. Stock zur Wohnungstür,
der schon oft verlor`ne Schlüssel. Rolf, was kannst du dafür?
Ja, ich weiß, du liebäugelst schon lang anstelle dieses roten
mit einem echten Lederball. Nur hier im Hof ist `s eh` verboten.

Drei Sportler-Weizen und drei Korn nach dem Training im Verein.
Mit keiner hat es je geklappt, es hat nicht sollen sein.
Egal, denn Stammtischbrüder kennen schließlich keinen Kummer,
kommst abends spät alleine heim, dann bleibt die 190-er Nummer.
Ihr Bild im Portemonnaie vergilbt, so ist das halt,
Im Straßenlampenlicht am Bahnhof wird sie heut` bezahlt.
Hoechst hat rationalisiert, das betraf ein gutes Drittel.
Abends roch dein Atem immer leicht nach Lösungsmittel.
Am Stellenmarkt mit über 50, wo sind da noch Chancen?
Du blätterst und verlierst dich in den Kontaktannoncen.
Was bleibt sind 60% von deinem letzten Gehalt.
Du drückst die Kippe aus mit Fingern zittrig und kalt.

Dein Fernseh flimmert stundenlang auf Euro Sport Kanal.
Zwischen Aspirin und Lottoschein steht ein Fußballpokal.
Manch` ein Treffer war ja, so kommt es dir heut` vor,
wenn du drüber nachdenkst, nichts als ein Eigentor.
Die zweite Halbzeit läuft für dich bereits
- abseits.

Rolf, kein Freund hat für dich dies Plakat entfernt.
So `nen Mensch hast du niemals kennen gelernt.
Womöglich ließ sich `s nicht abreißen und, ach, was nützt es dir,
selbst wenn ich dieses Lied hier heimlich drüberplakatier`?
In beinah` jedem Hinterhof, so gut wie überall
rollt ein kleiner, roter Ball.
(für Elias Leonard Mayer)

Es ist warm um mich
- ein freundlicher Ort.
Hier kenn’ ich mich aus.
Ich war noch niemals fort

und bin hier zweifellos gern’.
Doch sie wartet, ich hör’ ihre Stimme von fern,
wenn sie mit mir spricht - manchmal.
Bald muss ich da durch. Ich hab’ keine Wahl.

Es ist dunkel und ich
liege geborgen.
Sie atmet für mich
bis zu jenem Morgen,

wenn unsichtbar des Himmels Hand
mein Stundenglas dreht mit dem bisschen Sand,
der dann rieselt als lautloser Strahl
durch die Öffnung hindurch. Er hat keine Wahl.

Noch finde ich Platz hier,
mehr als genug.
Noch muss mir durch meine Brust
kein Atemzug.

Wenn sie von sich spricht,
sagt sie „wir“.
Jede Regung
teilt sie mit mir,

jede Freude, jedes Leid.
Doch jetzt muss ich da durch. Es ist so weit.
Ob selbst bestimmt oder Schicksal,
im freien Willen liegt unsre einzige Wahl.
Der Fluss ist tief, der Fluss ist breit,
zum andern Ufer viel zu weit.
Gebt mir ein Boot und darauf sei
unter dem Himmel Platz für zwei.

Gebt mir ein Boot und darauf sei
der Blick aufs Wasser klar und frei.
Ein Ruder deins, ein Ruder meins,
wir sind zwei, die Richtung eins.
Hat uns das Boot übergesetzt
ans andre Ufer dann zuletzt,
so kennt es ja schon seinen Weg
zurück zum alten Landungssteg,

denn andre stehen schon bereit.
Der Fluss ist tief, der Fluss ist breit.
Aus Glück und Unglück wird Gesang,
aus jedem Schluss ein Neuanfang
und heller Tag aus dunkler Nacht.
Das hat der Himmel so gemacht.
Wenn du dich jetzt fragst,
wer der Himmel ist,
dann wisse, dass du der Himmel selber bist.

Aus Gut und Bös` wird Religion,
aus Liebe Hass und Aggression
und heller Tag wird wieder Nacht.
Das hat die Hölle so gemacht.
Wenn du dich jetzt fragst,
wer die Hölle ist,
dann wisse, dass du die Hölle selber bist.
Im Hier und Jetzt ist alles Leben.
Nehmen, liegen lassen, geben,
geweint, gehofft, geliebt, gelacht,
das hat die Erde so gemacht.
Und wenn sich eines Tags
diese Frage nicht mehr stellt,
Himmel, Hölle, Erde, dann weißt du, du bist die ganze Welt.
Ich weiß keinen Menschen, der `s zu sagen versteht,
wohin der Wind bläst und von woher er weht.
Gar zu gern würd’ ich dieses Geheimnis schon kennen
und weil `s stets sinnlos war, hinter ihm her zu rennen,
ließ ich die Schnur meines Drachens frei
und er flog einen Tag und der Nächte zwei.
Als ich ihn dann fand, unbeschadet sogar,
wußt` ich, daß auch der Wind dorthin gegangen war.
Wohin der Wind bläst, könnt ihr mich jetzt ruhig fragen,
nur von woher er kommt, weiß kein Mensch je zu sagen.
Es gibt einen Wind, der schwarz, rot, gold weht,
nach Norden stürmt der Föhn, der im Süden entsteht.
Im Osten geh’n die Träume auf, die im Westen verglüh’n.
Buch deutscher Geschichte, du heißt nicht nur Berlin,

denn als ich beim Blättern weitersuch’,
erklingt im Dreivierteltakt aus diesem Buch,
in alt ehrwürd’gem Glanz,
ein höfischer Tanz.

Ein Lied für einen Abend, ein Lied für eine Stadt,
die vielen Liedern Quartier gegeben hat,
altbayrisches Verona im Wittelsbach er Land
die Salzstrasse dein Strand.

Friedberg, romantische Herzogstadt, Spiegel von Florenz,
mit deinen Bauten machst du dem Süden Konkurrenz.

Du folgst dem Gesetz der guten Gestalt,
bist bald acht hundert Jahre alt.
Heraldische Lilien in Erhabenheit zieren dein Wappen aus jener Zeit.
Friedberg, romantische Herzogstadt hoch auf dem Lechrainplateau,
deine Mauern, sie bergen berühmtes Rokoko.

Dein Gemäuer trägt wie gemalte Gedichte
Fresken auf dem Mantel deiner eigenen Geschichte.
Von der Heimsuchung durch die Pest und dem Dreißigjährigen Krieg
bis die Uhrmacherzunft deinen Berg bestieg.

Fiedberg, romantische Herzogstadt, die die Schwabentoskana bewacht,
gib unseren Liedern und mir Quartier und allen ’ne gute Nacht.
Im Süden in einem Olivenhain
liegt im trocknen Gras ein Stein,
wohl hunderte Jahre schon alt,
und für eine Weile mach’ ich hier Halt.

Zwischen Trümmern und Balken liegt er versteckt,
einst war wohl der Dachstuhl mit Schiefer bedeckt,
lange, lange schon her,
doch der Stein, der Stein, er wurde zu schwer.

Erhabene Säulen vor dem Portal,
fromm im Glauben, das war einmal,
lange, lange schon her,
Campanile steht keiner mehr.

Was bleibt vom Hier-Gewesen-Sein?
Ein Rendezvous, ein Stelldichein
der Dinge, die da entzwei.
Aus und vorbei.

Ein Marmorblock stand wo am Hochaltar
das Evangelium zu Hause war,
lange, lange vorbei,
Wort und Schrift einerlei.

Freskendekor an Decke und Wand
im Schein der Kerzen, die da gebrannt,
lange, lange schon her,
Glocken läuten nicht mehr.

Ein Zeuge der Zeit, der Stein, er liegt still,
wie ein Gedächtnis, das wach halten will.
Will? Kann? Oder muss?
Was bleibt nun zum Schluss?

Es bleibt vom Hier-Gewesen-Sein
in meinem Gedächtnis mir noch ein Stein
und dies Bild, das ich ihm verleih.
Das war‘s. Jetzt ist es ist vorbei.
Es war einmal ein Gockel,
der hatte ein Monokel.
Der Gockel sagte: „Ich erkenne
am Waldrand eine Henne.“

Da fragte ihn ein Huhn:
„Hast du nichts Besseres zu tun?“
Darauf sagte der Hahn:
„Das geht dich gar nichts an.“
Ich war schon im Kino,
direkt beim Kasino,
dort hab` ich kühn auf den Boden gespuckt.
Doch hab’ ich weder Sabrina,
noch Katharina,
ich hab` mich nur selbst beeindruckt.

Ich war schon im Schwarzwald,
ich war schon im Zwiespalt
und ich stand schon in meiner Jacke,
nach der Damenwahl,
ganz allein im Lokal.
Ich stand bis zum Hals in der Kacke.

Ich war in der Askese,
lag vor der Mayonnaise.
Ich war im Spielzeugladen.
Ich war über den Wolken,
hab` dort Kühe gemolken.
Na, ich war auf den Balladen.

Ich war schon im Bad,
ich war im Senat
und ich war schon im äußersten Zweifel.
Im Bett war ich krank,
bei Babsi im Schrank.
Ich war auf dem Turm von Herrn Eiffel.

Ich war schon in Prag,
im Volkshochschul-Diavortrag
und im Herzen von Gütersloh,
im Burger King,
weil `s nicht anders ging,
ich musste so dringend auf `s Klo.
Ich war am Altar
und ich war in Gefahr.
Ich stand auf des Messers Schneide.
Sie strahlte mich an,
bat dann: „Werde mein Mann,
bis dass der Tod uns scheide.“

Ich war irgendwann
danach in Amsterdam
im schmutzigsten Sündenpfuhl,
wo ich heimlich rumschlich,
in Versuchung war ich
und versank drauf im Beichtstuhl.

Ich stand schon in Pose
in offener Hose.
Und ich war in meiner Nase
bohrender Weise.
Ich ging auf Urlaubsreise
in die sonnige Ekstase.

Ich war in guter Laune,
ich war in der Posaune,
Klar, ich war auf den Malediven.
Ich war voll im Trend
und ich war in..., insolvent.
Ich war bei den Hieroglyphen.

Ich war in Hypnose.
Ich ritt an der Mimose
und ich lief durch die Limonaden
von Pontius zu Pilatus,
von Numerus zu clausus
jedes Jahr zu den Marinaden.
Ich bin die internationale Weißwurst,
am besten schmeck ich warm.
Ich hab’ die zamgekehrte Metzgerei der Welt
vereint in meinem Darm.

Meine Haut, die kommt aus China,
mein Kalbsfleisch aus der Mongolei,
mein Schweinespeck aus Ungarn
und die Zwiebel kommt aus Paraguay.

Mein Wasser kommt vom Amazonas
und die Brise Kräutersalz,
die kommt direkt aus Speyer,
irgendwo in Rheinland-Pfalz.

Und mein Zitronenpulver,
kommt nicht mal aus Berlin,
es kommt aus einem Land,
wo die Zitronen blüh’n.

Die frische Petersilie,
die kommt aus Singapur,
aus Chile kommt mein Pfeffer.
Nur aus München meine Rezeptur.

Ich bin die internationale Weißwurst
und wem das alles schmeckt,
der hat halt nicht gewusst,
was da in mir steckt.
Als multimedialer Kavalier,
das weiß ich, schulde ich dir,
denn ich bin der Mann und du die Frau,
technisches Know-how.

Klar, ich weiß, wie man T-Online anklickt
und ich weiß, wie man ein Email verschickt
und ich weiß, wenn er abstürzt, ich bin nicht allein,
denn PC-Doktor hilft. `Please call service-hotline.`

Und ich weiß sogar noch, wie es ganz früher lief,
mit parfümiertem Papier, handschriftlich per Brief.
Ich weiß, meine Feder romantisch zu setzen,
dabei die neue Orthographie zu verletzen.

Ich weiß mich charmant zu artikulieren,
ich weiß zuckersüße Worte, die verführen
und ich weiß, am Schalter krieg` ich Sondermarken,
am Zeitungskiosk Glückwunsch- und `I love you`-Karten.

Und ich weiß den Weg, soviel bist du mir wert,
zum Briefkasten, den man sonntags leert.
Auch weiß ich, wo um `s Eck noch `ne Telefonzelle steht,
und ich weiß, wie das mit den Chipkarten geht.

Ich weiß um den Wert einer Handvoll Geld,
wenn mein Zehnerl zehnmal durch den Zähler fällt
und ich weiß, wenn mir dann jemand in die Ohrmuschel bellt,
hab` ich wohl aus Versehen das Tierheim gewählt.

Ich weiß, jedes Handy braucht sein Ladegerät.
Ich weiß sämtliche Tarife von früh bis spät,
um bei der Telekom Rechnung einzusparen.
Ich weiß die lästigen Funklöcher zu umfahren.

Ja, ich weiß, wenn ich trotzdem niemand erreiche,
es nur zirpt, aha, jetzt spreche ich mit einer Faxweiche.
Ich weiß, ohne Modem, ohne Thermopapier,
überbringt meine Botschaft ein Fahrradkurier.

Ich weiß, weiß ich weder mehr ein noch aus,
dann schick` ich halt mit Fleurop `nen Blumenstrauß.
Ich weiß Bescheid in D2 Frequenzbereichen,
im Morsealphabet, ich weiß alle Rauchzeichen.

Und ich weiß, sollte wirklich mal gar nichts mehr geh`n,
die Notrufnummer ist die 110.
Auch weiß ich, dass ein Anrufbeantworter piept.
Doch wozu weiß ich all das?

Seit `s Deinen Anschluss für mich nicht mehr gibt?
Er ist zweifellos ein wahrer Sonderling in unsrer Fuggerstadt, die da im Lechfeld gebettet ruht,
die seine Hoheit wie kein schwäbisches Geschlecht vor ihm so sanft regiert hat und es tut,
als ihre Majestät, die würdevoll vor Elias Holl seinem Rathaus zwischen Tauben auf den alten Steinstufen steht,
mit gold`ner Krone, doch barfuß übers ganze Jahr, König von Augsburg im weißen Talar.

Niemand weiß, wo er vom Dom bis hinunter bei St. Ulrich urplötzlich wieder auftaucht.
Vielleicht hatte einst am Moritzplatz Merkur selbst aus seinem schönen Brunnen
ihn wie `ne Seifenblase für uns ausgehaucht. Aus Brokat sein schillerndes Gewand
und das Mysterium, warum er sich nicht berühren lässt, hat geheimnisvoll Bestand.

Papst ohne Bekenntnis, atheistischer Christ,
König von Augsburg, einfach wie er halt ist.

Von blauem Blut stand höchstpersönlich heute früh seine Eminenz, wo man ihn kaum erwartet hätt`,
im Feuilletonteil abgebildet auf `ner knappen Viertelseite der Wochenend` AZ. Monarch hat abgedankt.
Unterm Bild stand kleingedruckt mit Fragezeichen: Psychisch erkrankt?

Papst ohne Bekenntnis, rätselhaft immerdar,
König von Augsburg, einfach wie er halt war.

Sein Hofstaat waren wir. Hat das irgendwer bemerkt? Treu und einig gaben wir ihm Geleit
und er uns dafür, ohne was einzufordern, sein Lächeln in dieser Zeit.
Zog er mit dem Komet und den heiligen drei Königen aus dem Morgenland?
Oder ist er der Fels, der in der Brandung stand als Prophet ohne Botschaft,
gleichwohl unendlich zart? Ihr bleibt, von eigenen Gnaden, uns in Erinnerung bewahrt.

Papst ohne Bekenntnis, du wirst hier vermisst.
Wir wüssten zu gerne, wohin du bist.
Es gibt da einen Weg, ständig wechselt er die Richtung,
dafür sind seine Kreuzungen frei,
nur führt er dich als Umweg am erstrebten Ziel,
wenn `s dumm geht, dein Leben lang vorbei.

Schau links, schau rechts, schau grade aus, wo du auch bist, mein Kind.
Das Leben ist ein Labyrinth.

Zwar hast du deine Lebenslinie ganz fest in der Hand,
vom Kosmos als eingravierten Schliff,
samt Streckenprofil, vom Anfang bis zum Ziel,
und trotzdem nicht immer im Griff.

Schau links, schau rechts, schau grade aus. Wer nicht schaut wird blind.
Augen auf, das Leben ist ein Labyrinth.
Am Ende deines Wegs liegt das Ziel genau in der Mitte.
Manchmal bist du verdammt nah dran.
Doch du wirst dich wieder wenden und erneut entfernen müssen,
bloß so kommst du ein Stück weiter voran.

Geh links, geh rechts, geh grade aus. Allein wer geht, gewinnt.
Schnür die Schuh, das Leben ist ein Labyrinth.

Lass dich durch trügerische Spur`n nicht aus der Richtung bringen,
selbst wenn dein Fuß an Hindernisse schlägt.
Dein Ziel ist doch vom Glauben an den einen Sinn gehalten,
dass es jede Umkehr erträgt.

Schau links, schau rechts, schau grade aus, allein du selbst bestimmst,
auch wenn du einmal einen Irrweg nimmst.
In der Mitte wartest du auf dich, wo man sich selber find`t,
im Leben, diesem Labyrinth, im Leben, diesem Labyrinth.
Es war einmal (für Anna Magdalena Mayer)

Ich schreib’ das alles auf,
falls sie mich einmal fragt:
„Was war mein erstes Wort?“
und „Wann hab’ ich es gesagt?“,
„Von wem stammt diese Puppe?“
und „Wie hab’ ich sie genannt?“,
„Wie alt war ich, als ich
zum ersten Male stand?“

Da sind so viele Schritte vor dem ersten Schritt.
Gestiefeltes Kätzchen, ich komme nicht mehr mit,
nicht mehr mit, nicht mehr ...

... „Mit wie viel Wochen
waren meine Augen noch hellblau?“
Baby, kleines Mädchen,
auf dem Weg zur jungen Frau.
„Wann konnte ich vom Rücken
mich auf den Bauch umdrehen?“
„Und der Flaum auf meinem Kopf,
wie hat der ausgesehen?“

Da sind so viele Schritte vor dem ersten Schritt.
Gestiefeltes Kätzchen, ich komme nicht mehr mit,
nicht mehr mit, nicht mehr ...

... „Mit Oma und mit Opa,
wie war das überhaupt?“
„Und hab’ ich an das Christkind
und den Osterhas’ geglaubt?“
„Wann kriegte ich beim Schnüren,
die erste Schleife hin?“
„Und ob ich bloß mit Licht im Zimmer
eingeschlafen bin?“
Da sind so viele Ungeheuer unterm Gitterbett.
Wenn ich bloß einen Zauberspruch gegen die Monster hätt’,
Monster hätt’, Monster ...

... Hätt’ ich ihn hier aufgeschrieben.
Nun, weil ich mir bis dann
nicht jedes Kuscheltier von ihr
mit Namen merken kann.
„Wann kam der erste Milchzahn?“,
„Der erste Löffel Brei?“
Mit Sieben-Meilen-Stiefeln
eilt die Zeit vorbei.

Da sind so viele Fragen, da ist so viel „Warum?“
Ich bin nur eine Antwort. /(Du bist Deine Antwort.) Komm
dreh’ Dich mit mir um,
um, um, um, um ...

... „Um wie viel Uhr war es genau?“
und „Ging da alles glatt?“
und wer ei’ng’lich die Nabelschnur
durchgeschnitten hat.
Ich brauch’ nicht aufzuschreiben,
was man nicht vergisst.
Dies Tagebuch, ich schenk’ es Dir,
wenn Du volljährig bist.

Drum schreib’ ich alles auf und kleb’ ein goldnes Haar
auf die letzte Seite, damit Du weißt,
dass Du weißt, wie es, wie es, wie es einmal war.
Er heißt Hisham, seine Beine sind verbogen und schief,
weil die Operation nicht wie `s geplant war lief.
Jeden Morgen zieht sein Zivi Hisham an
und dann freut er sich schon,
weil er im Malteser Bus
vorne, klar vorne, mitfahren kann.

Zu ihm steigt Vroni ein. Er lächelt, soviel weiß er genau:
Auf der ganzen Tour ist sie die einzige Frau.
Ihm wird es warm um `s Herz - ich weiß. Ja, nur im Bus wird `s kalt,
weil die Tür offen steht,
während ihre Mutter sie,
soweit sie das noch kann, am Sitz anschnallt.

Mit einem Legostein im Mund irrt Walter verlassen,
er konnt` noch nie keinen klaren Gedanken nicht fassen,
durch die Ulrichssiedlung wie ein Blinder kreuz und quer.
Wenn wir ihn endlich haben, sagt Hisham: „Spuck `s aus.
Sonst geh`n deine Zähne kaputt.
Mach schon, Walter, Mund auf! Gib `s Legostück her.“

Kai ist der nächste, weil er ständig spricht,
vermischt er Börsenpolitik mit Wetterbericht.
So krieg`n wir Nachrichten toujour live aus aller Welt.
Viel besser als es mir
auf ARD
abends um 20:00 Uhr gefällt.

Vroni freut sich, weil sie glaubt, dass sie Geburtstag hat.
Walter isst sich an seinem karierten Taschentuch satt.
Hisham wünscht, dass ich für Vroni dreimal hupen soll.
Das mag sie noch lieber als ihre Trikots
von Jan Ulrich und Jürgen Klinnsmann
oder das von Mehmet Scholl.

Er ist diesen Sommer 31 Jahre geworden.
„Mein Alter, weißt du, macht mir ei`ng`lich keine Sorgen.
Nur die Ärzte prophezeiten mir das halt,
verdammte Marmorknochen
und multiple Sklerose,
da werd` ich wahrscheinlich nicht ganz so alt.“

Mit seinem Stofftier in der Hand
steht Jonas durchnässt am Straßenrand.
Auf die Windschutzscheibe prasseln schwere Regentropfen.
„Los, komm! Bitte, steig ein.
Nein, nein, du brauchst nicht jedes Mal
immer wieder höflich an der Autotür zu klopfen.“

Zehn kleine Negerlein, der Bus ist voll.
Dort, wo ich meine Schützlinge abliefern soll,
fragt Hisham, der noch wartet: „Hast du eine Frau?“
Als ich beim Wenden dann kurz in den Rückspiegel schau`,
seh` ich Vroni wie sie seinen Rollstuhl schiebt
und denk` wie wundervoll, wenn dich jemand liebt.
So wie ein riesengroßer, blauer Wal oder ein kleiner, weißer Delphin will ich
zwischen Australien und Neuseeland durch den tasmanischen Ozean zieh’n.
An einem leuchtend, bunten, hellen
Regenbogen, der aus Wasserfällen aufsteigt,
mich abends auf meine Rückenflosse dreh’n,
zum Kreuz des Südens in den Nachthimmel seh’n
und die Sterne funkeln so schön.

Oder auf samtweichen Löwenpfoten, irgendwo in Afrika,
läg ich, den Bauch gewärmt vom feuerroten Sonnenuntergang,
stinkfaul da. Auf Steppengras in der Savanne,
wo ich genüsslich mich entspanne,
streckte ich von mir alle Viere,
als der König der Tiere,
wenn ich g’rad nicht regiere.

Ob ich mit kugelrunden Hamsterbacken possierlich in meinem Bau
Vorrat verstau’
oder mit bulligem Stiernacken schnaubend, brüllend aus der Wäsche schau’,
ob ich als Einhorn oder Nilpferd
das nächste Mal geboren werd’,
ob ich zwitschere oder bell’,
Federn habe oder Fell
oder vielleicht als ein ganz anderes Tier

Jetzt fahr’ ich noch Tanken,
ich will noch bis Bochum,
1,10 für den Liter Sprit.
Die Straßen sind frei,
die Räder, sie dreh’n sich
und nur ein Trabant fährt mit.

Alle Zapfsäulen frei,
normal und bleifrei.
Bitte langsam! Fahren Sie Schritt!
Die Räder steh’n still,
ich zahle mit Karte
und nur dieser Trabant fährt wieder mit.

Autobahnauffahrt
im Westen von München.
Das dauert sechs Stunden im Schnitt.
Die Milchstraße glitzert
überm Hinweisschild Stuttgart
und nur dieser Trabant fährt neben mir mit.

Mit knapp 100 Sachen,
jetzt wird es einspurig,
doch folgt er mir auf Schritt und Tritt.
Die Milchstraße glitzert,
die Erde, sie dreht sich
und nur dieser Trabant fährt hinter mir mit.

Eine Fahrt durch die Nacht,
ich zieh’ meine Bahn,
im All schwebt ein Satellit.
Die Milchstraße glitzert,
die Erde, sie dreht sich
und nur dieser Trabant da draußen fährt mit.

Ein Flug durch das Dunkel,
die Sterne, sie blinken
im Kosmos, ein Meteorit.
Die Milchstraße glitzert,
die Erde, sie dreht sich.
Nur der alte Trabant, da draußen fährt mit.

Ausfahrtsschild Bochum,
ich setze den Blinker,
bin nicht mehr ganz so fit.
Die Milchstraße glitzert
hier überm Zentrum.
Nur der Trabant, da droben hält Schritt.

Die Tankuhr nahm ab,
1,08 hier der Liter,
die Stadt ist still, gibt noch Ruh.
Mein Motor ist warm,
ich zahle mit Karte.
Nur der Trabant nahm etwas zu.

Mit der Zeitung
kommt der Morgen,
Zeit um ins Bett zu geh’n.
Der Trabant war vor mir da.
Der Motor wird kalt.
Gefährt und Gefährte der Erde, sie steh’n.
Bei Düsseldorf in einem Tal
war einmal
ein genialer
Neandertaler,
beruflich Maler,
der malte einen Steinzeitbock
auf seinen Felsenblock.

Den Bock erkennt man heut’ nur noch schwer.
Und den Maler,
Neandertaler,
gibt’s gar nicht mehr.
Eigentlich sind wir beide auf dem Bild, denn ich spiegle mich
im Glas des Wechselrahmens oberflächlich.

Mein Kühlschrank hier war reduziert, als ich den Preis verglich.
Der Kratzer ist ja nur oberflächlich.

Ich stopf` die ganze Wäsche einfach hinter `s Bett. So, jetzt ist es ordentlich –
zumindest oberflächlich.

Mir platzt die Farbe von der Wand. Scheiß Anstrich!
Ich mal jetzt nicht mehr drüber, nicht einmal oberflächlich.

Am Mückenstich in meiner Kniekehle juckt es fürchterlich.
Ich würde zu gern kratzen, wenigstens - aber jetzt geht das nich`.

Wir hab’n zwar dann noch mal telefoniert - du und ich -
vielleicht war alles zu oberflächlich.

Nur Dein Bild steht immer noch auf meinem Fensterbrett, wo es verblich –
oberflächlich.

Ich hab` es mir, als ich heut` aufgeräumt hab`, wieder angeschaut.
Wie nichts sonst geht es mir unter die Haut.
Weil wir zwei ein Spiel sind aus Antwort und Frage,
liegen wir so nah beisammen wie Sieg und Niederlage.
Licht aus, Augen zu, vom Traumfänger bewacht.
Ein Neumond grüßt die Abendsonn` zur frühen Nacht.

Weil wir zwei die gleichen Dinge unterschiedlich machen,
liegen wir so nah beisammen wie Weinen und Lachen.
Licht aus, Augen zu, vom Traumfänger bewacht.
Ein Halbmond grüßt die Abendsonn` zur frühen Nacht.

Auch wenn wir mit unterschiedlicher Geschwindigkeit
im Leben unterwegs sind, wir teilen unsre Zeit.
Licht aus, Augen zu, vom Traumfänger bewacht.
Ein Vollmond küsst die Abendsonn`. Gute Nacht.
Die Spinne hat sechs Beine. Oder hat sie acht?
Sie hat über meinem Bett ihr Netz angebracht.
Denn vor vielen Jahren ließ per Naturgesetz,
sie ihr Recht sich sichern auf ein Spinnennetz.
Und seit jenem Tage fängt immer noch bis heute
sich in klebrigen Fäden der fetten Spinne Beute.

Im Netz surrt eine Fliege, vielleicht hat dies Insekt
mich, der ich drunter liege, Hilfe rufend aufgeweckt.
Die Fliege klebt, die Spinne webt, das tut sie mit Geschick.
Da verfängt beim Hinseh’n sich in ihrem Netz mein Blick.
Ah, ich hänge fest, ich bin gefangen,
kann nicht mal den Kopf dreh’n.
Der Spinne voll ins Netz gegangen.
Ja, so kann es geh’n.

Gefesselt muss ich jämmerlich nun um mein Leben bangen.
Indessen wetzt sehr sorgfältig die Spinne ihre Zangen.
Sie seilt sich ab, schwebt über mir. Gleich ist’s mit mir vorbei.
Aus Angst mach’ ich die Augen zu und - da war ich wieder frei.
Wir trennen gut und böse,
wir trennen das Gelbe vom Ei,
wir trennen den Müll, wir trennen die Ehen,
getrennt ist getrennt und getrennt ist vorbei.

Wir trennen am Zeilenende
die Wörter, die dort steh’n.
Wir trennen uns später heut’ Abend,
wenn wir nach Hause geh’n.

Wir trennen männlich und weiblich,
eine Art duales System.
Wir trennen Junge und Alte,
zu jung und zu alt, beides ist unbequem.

Wir trennen uns von dem Gedanken
noch einmal 20 zu sein.
Wir trennen Schwarze und Weiße.
Deins gehört dir und meins, das ist mein.

Wir trennen privat und geschäftlich.
Wir trennen vom Weizen die Spreu.
Wir trennen den Sex von der Liebe,
das war selbst im alten Rom nicht mehr neu.

Wir trennen Helles und Dunkles
beim Bier und natürlich beim Licht.
Nur wenn wir uns nicht trennen können,
dann trennen wir uns eben nicht.

Wir trennen den Sinn von den Dingen,
nur kommt uns der dabei abhanden.
Durch Trennkost trennen wir Kosten,
so hab’ ich’s zumindest verstanden.

Wir trennen Dicke und Dünne
einfach durch ihr Gewicht.
Und ich, damit endlich Schluss ist,
mich jetzt von diesem Gedicht.
Bei Düsseldorf in einem Tal
war einmal
ein genialer
Neandertaler,
beruflich Maler,
der malte einen Steinzeitbock
auf seinen Felsenblock.

Den Bock erkennt man heut’ nur noch schwer.
Und den Maler,
Neandertaler,
gibt’s gar nicht mehr.
Im Steinbruch gibt es Steine, die nimmt man sich mit heim,
und klopft sie auf, es könnt’ ja drinnen was verborgen sein,
vielleicht ein Ammonit aus einem Sediment,
das die Geologie bis dato noch nicht kennt
oder ein Fossil aus dem Kreide-Tertiär,
mindestens so 60 Millionen Jahre her.

Nur meistens ist nichts drin und dann sagt man: „Schade.
Es war nichts drin und außen rum nicht einmal Schokolade.“
Drum geh’ ich jetzt noch schnell beim Tengelmann vorbei
und kauf ’ für 80 Cent ein Überraschungsei.
Die Schokolade fress’ ich auf dem Heimweg zam,
den Gruscht im gelben Ei können die Kinder ham,
das gelbe Ei fliegt mit dem Müll auf die Deponie.
Millionen Jahre später findet man dann sie,

verborgen dort im Steinbruch: Eier ganz aus Stein.
Man klopft sie auf, es könnt’ ja drinnen was verborgen sein.
Ein Kopffüßler vielleicht aus einem Sortiment,
den die Wissenschaft dann Ferrero nennt,
oder ein Flugsaurier, der fertig gebaut,
Millionen Jahre später noch immer neu ausschaut.
Nur meistens ist nichts drin und dann sagt man: „Schade.
Schon wieder nichts und außen rum nicht einmal Schokolade.“
Manchmal lasse ich einen Luftballon steigen
mit einer Karte daran.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht, vielleicht
kommt sie an.

Manchmal lasse ich eine Flaschenpost schwimmen
die Donau hinunter zum Meer.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht, vielleicht
birgt sie wer.

Manchmal morse ich mit der Taschenlampe
in den Himmel hinauf, ganz spät.
Vielleicht, vielleicht kommt etwas an
auf einem Planet.

Manchmal geh’ ich am Bewegungsmelder vorbei
und gehe dort hin und her.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht, vielleicht
sieht es wer.

Verblüht manche Rose, verglüht mancher Stern,
ungesehen, allein.
Gewiss, gewiss, gewiss, gewiss
soll das so sein.

Manchmal gebe ich eine Anzeige auf:
`Luftballon vermisst`.
Vielleicht, vielleicht, weiß irgendwer
wo er jetzt ist.

So schreib’ ich, was ich hab’, verkorke die Flasche
und sehe ihr noch hinterher.
Die Post kommt immer so um halb zehn,
dann weiß ich mehr.
Ich hab’ die alte Wäsche abgehängt
und die neue Wäsche aufgehängt,
die war dann auch bis zum nächsten Morgen trocken,
bis auf die dicken Skiwollsocken,
die hab’ ich noch mal hängen lassen über Nacht
und die Waschmaschine wieder voll gemacht.

Ich hab’ die alte Wäsche abgehängt
und die neue Wäsche aufgehängt.
Plötzlich fängt der Wasserhahn an zu tropfen.
Ich schmeiß’ die Socken weg. Die kann man nicht mehr stopfen.
Nur manchmal, wenn ich wasche,
bleibt ein Tempo in der Tasche.

Ich hab’ die alte Wäsche abgehängt
und die neue Wäsche aufgehängt,
die hat dann auch wirklich nach Waschmittel gerochen,
bloß ein Plastikbügel ist mir abgebrochen.
Und manchmal vergess’ ich im Keller das Licht,
aber bügeln tu’ ich die Wäsche nicht.

Ich hab’ die alte Wäsche abgehängt
und die neue Wäsche aufgehängt.
Ich zieh’ das gelbe T-Shirt gleich wieder an,
weil man ’s unterm Pulli ja nicht sehen kann.
Das weiße Handtuch ist gewaschen, nur jetzt ist es grau.
Egal - zusammenlegen tut es meine Frau.
Es bleibt Asche von dem Feuer, über dem man keine Hände reibt,
nur der Geruch im Kopf bleibt.

Von der Staatskarosse bleibt ein Wrack,
vom Ruß eine Schicht auf dem schwarzen Lack.

Vom Glas bleiben Splitter irgendwo stecken.
Suchtrupps durchkämmen schützende Hecken.

Von der Tat bleibt die Frage nach dem Motiv,
anonym das Bekenntnis in einem Brief.

Es bleibt Asche von diesem Feuer, das entleibt,
und von der Meldung des Tages die Angst vor dem, was bleibt.
Bei Düsseldorf in einem Tal
war einmal
ein genialer
Neandertaler,
beruflich Maler,
der malte einen Steinzeitbock
auf seinen Felsenblock.

Den Bock erkennt man heut’ nur noch schwer.
Und den Maler,
Neandertaler,
gibt’s gar nicht mehr.
Wer macht den Dampf für die Dampfnudel,
wer die Blubberblasen in den Sprudel?
Wer macht die Bären für den Dreck
und heilt die Mittel für den Zweck?

Wer weint die Tränen für das Krokodil?
Wer macht fürs Badewasserüberlaufen das Zu Viel?
Wer putzt die Glocken von dem Rotz
und macht das Böse vom Räuber Hotzenplotz?

Wer frisst die Tagträume?
Wer krönt den König aller Zäune?
Wer macht für den Mai alles neu
und für die Stecknadel das Heu?

Wer macht die Seite an das Stechen,
wer den Bruch in das Verbrechen?
Wer macht den Durst, für den man schwitzt
und das Glas fürs Haus, in dem man sitzt?

Wer macht die Häufen für den Dreck,
die dicken Menschen für den Speck?
Wer macht den Rausch fürs Oktoberfest
und die kleinen Häkchen für das Nest?

Wer macht den Hunger für das Essen,
wer den Kopf für das Vergessen?
Wer lässt meine Nase niesen
und die Bildung unsrer Lücke schließen?

Wer bohrt die Löcher in den Käse?
Wer bläst die Luft in das Gebläse?
Wer macht den Krampf in Uschis Wade
und das Süße in die Schokolade?
Wer macht die Studenten für das Futter,
wer die Sprache für die Mutter?
Wer hat den Muskel für den Kater
und wer schützt das Land vor unsrem Vater?

Wer legt den Staub in mein Regal?
Wer malt das Blaue auf den Wal?
Wer macht die Pferde für das Traben
und nimmt sich die Zeit, die wir nicht haben?

Wer macht den Blick für den Balkon,
die Pubertät für das Hormon,
dieses Hormon aus Glück und Leid
und Muttersprachlosigkeit?

Wer spinnt für die Geduld den Faden?
Wer sorgt für den Spott für Schaden?
Wer hört den Ast im Walde knacksen
und die Gräser, wie sie lautlos wachsen?

Wer macht den Sturm nach der Ruhe,
den Geruch in die Turnschuhe?
Wer macht das Saure in den Braten?
Na gut, ich will es euch verraten.

Wer macht für die Not den Nagel,
für den Wetterbericht den Hagel?
Wer macht den Fehler, den keiner findet.
Es ist das Geheimnis, das entdeckt, verschwindet.











© by Georg Braceschi